Teuer gekauft, günstig verkauft? Wertverlust von E-Autos

21.12.2015 - 11:30 Uhr von Lukas Lauterbach
21.12.2015

Neben hohen Anschaffungskosten und geringer Reichweite ist vor allem der angeblich massive Wertverlust von Elektroautos ein beliebtes Negativ-Argument der E-Mobilitäts-Skeptiker. Panikmache oder realistisches Szenario?

Der BMW i3 gilt als Wertmeister 2015 auf dem jungen Markt der Elektro-Gebrauchtwagen. Zukünftige technische Entwicklungen werden den Wert gebrauchter Elektroautos in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen.
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Der BMW i3 gilt als Wertmeister 2015 auf dem jungen Markt der Elektro-Gebrauchtwagen. Zukünftige technische Entwicklungen werden den Wert gebrauchter Elektroautos in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen.

 © imago/Sven Simon

Bei der Anschaffung eines Neuwagens ziehen viele Käufer die Angaben in Autozeitschriften zu Rate. In dort publizierten Tabellen werden die Gesamtkosten eines Autos für die ersten vier Jahre bei einer Jahres-Fahrleistung von 15.000 Kilometern veröffentlicht. Steht der anhand dieser Zahlen ausgewählte Neuwagen dann in der Garage, ist die Frage nach den Kosten zumeist abgehakt. Tatsächlich beginnt die eigentliche Kostenrechnung aber erst ab diesem Zeitpunkt. Ist es rentabel zum Wochenend-Trip nach Berlin das Auto zu nutzen oder ist die Bahn günstiger? Was kostet der tägliche Weg zur Arbeit, wenn das Auto von nur einer Person genutzt wird?

Hier nur die variablen Kosten, wie Sprit- oder Stromverbrauch zu berücksichtigen, wäre zu kurz gedacht. Denn auch der Wertverlust eines Autos muss in die Rechnung miteinbezogen werden. Dabei stellt sich die Frage, ob der Wertverlust zu den festen Kosten, wie Steuer und Versicherung zählt, oder zu den vom Nutzungsprofil abhängigen variablen Kosten. Die Antwort ist: zu beiden. Auch ein Auto, das nur in der Garage steht, unterliegt einem Wertverlust. Dieser kann zu den festen Kosten gerechnet werden. Wird es hingegen viel gefahren, ist der Wertverlust höher. In diesem Fall sind die Kosten variabel. Laut Jato, (nach eigener Aussage weltweit führenden Anbieter von Automobildaten) entfallen in Deutschland 49 Prozent aller Kosten auf die Wertminderung.

Wie berechnet sich der Wertverlust?

Eine häufig verwendeter Richtwert bei der Restwertbestimmung eines Gebrauchtwagens ist die sogenannte Schwacke-Liste. Auf dieser erstmals 1957 von Hanns W. Schwacke veröffentlichten Liste wird der Restwert von Gebrauchtfahrzeugen anhand von Fahrzeugtyp, Baujahr, Ausstattung und Kilometerstand berechnet. Viele Gebrauchtwagenhändler geben die Schwacke-Liste als Referenz für ihre Angebote an und auch Privatpersonen können unter den Wert ihres Gebrauchten dort gegen eine Gebühr ermitteln.

BMW i3 „Wertmeister“ 2015 in der Kategorie E-Auto

In Kooperation mit „Auto Bild“ zeichnet der unabhängige Dienstleister Schwacke einmal jährlich die wertbeständigsten Autos als „automobile Wertmeister“ aus. Dazu Hans Hamer, Verlagsgeschäftsführer Auto, Computer und Sport bei Axel Springer: „Der Wertverlust spielt für Privatkäufer eine wichtige Rolle bei der Kaufentscheidung. Herstellerinformationen zum Wertverlust müssen jedoch häufig erst recherchiert werden. Daher liefern wir Autokäufern mit der Ermittlung der Wertmeister einen großen Mehrwert, der sie bei ihrer Kaufentscheidung unterstützt.“

Im Februar 2015 wurde bei der zwölften Auflage dieser Veranstaltung erstmals auch die Kategorie der E-Autos berücksichtigt. Zum Wertmeister bei den Elektrofahrzeugen wurde der BMW i3 gekürt. Michael Bergmann, Geschäftsführer von Schwacke sagt: „Gerade diese Fahrzeugkategorie lässt sich hinsichtlich ihres Wertverlaufs von Laien noch schwer einschätzen, was zu entsprechender Kaufzurückhaltung führt. Mit den jetzt ermittelten Wertmeistern in der Kategorie Elektrofahrzeuge steht fest: die besten Modelle dieses Segments erreichen prozentual eine vergleichbare Wertbeständigkeit wie konventionell angetriebene Pkw.“

Alte Vorurteile versus neue Zahlen

Neben Schwacke hat sich auch heise online dem Thema Wertverlust von Elektroautos gewidmet. Das Ergebnis vorweg: „Momentan haben batterieelektrische Autos und Plug-In-Hybride weder einen höheren noch einen niedrigeren Wertverlust als konventionelle Fahrzeuge.“ Bei dem Vergleich wurden die Anzeigenpreise bei einem großen PKW-Verkaufs-Portal sowie die jeweiligen Neupreise zum Zeitpunkt der Erstzulassung berücksichtigt. Anders als bei Schwacke hat man dort den BMW i3 jedoch noch nicht in die Dokumentation aufgenommen. Dieser sei noch nicht lange genug im Verkauf, um eine ausreichend große Fallzahl zu generieren.

Als Vergleichs-Benziner wurde der Golf 1.2 ausgewählt. Als eines der in Deutschland meistverkauften Autos liefert er eine stabile Vergleichsgrundlage. Der VW Golf in seiner Standardversion ist nach einem Jahr 10,1 Prozent, nach zwei Jahren 14,9 Prozent und nach drei Jahren 24,9 Prozent weniger wert als zum Zeitpunkt des Neukaufs.

Auf Seite der Elektroautos wurde der Nissan Leaf ins Vergleichs-Rennen geschickt. Mit weltweit 185.000 verkauften Exemplaren liegt er klar auf Ranking-Listenplatz eins der beliebtesten Elektroautos. Um einen aussagekräftigen Vergleich zu ermöglichen, wurden ausschließlich die inklusive Batterie verkauften Nissan Leafs in die Untersuchung mit einbezogen. Modelle mit Batterieleasing wurden nicht berücksichtigt. Die ermittelten Zahlen unterscheiden sich nicht signifikant von denen des Benzin-Golfs. So verlor der Leaf 11,8 Prozent im ersten, 12 Prozent im zweiten und 22,2 Prozent im dritten Jahr. Ähnlich wertstabil zeigt sich die Plug-In-Version des Toyota Prius: Mit einem Wertverlust von 24,3 Prozent nach drei Jahren kann er dem Benzin-Golf ganz klar die Stirn bieten.

Wertverlust durch Managementfehler und Rabattaktionen

Als leuchtendes Negativ-Beispiel in punkto Wertverlust gilt der Opel Ampera. Der mit Range Extender ausgestattete Plug-In-Hybrid wurde 2011 in der e-Pionier-Edition für 51.200 Euro eingeführt. Doch bereits im Jahr 2013 sank der Listenpreis des einstmaligen Hoffnungsträgers auf 38.300 Euro. Grund dafür war die stagnierende Nachfrage und schlechte Verkaufszahlen. Mittlerweile wurde bekannt, dass Opel die Produktion des Ampera im Lauf des Jahres 2016 zugunsten eines kleineren Nachfolgemodells einstellen wird. Dieses Missmanagement hat starken Einfluss auf den Zeitwert des Ampera: heise online beziffert den Wertverlust (auf Grundlage der mobile.de-Zahlen) auf 49,8 Prozent nach drei Jahren. Das ist schlecht für alle Besitzer eines Opel Ampera und gut für Autokäufer auf Schnäppchenjagd.

Auch Rabattaktionen können großen Druck auf den Automarkt ausüben. Beispiel Renault Zoe:  Mit einem Wertverlust von 23,6 Prozent nach drei Jahren bewegt sich der Zoe auf ähnlichem Niveau wie der Benzin-Golf oder der Nissan Leaf. Da aber der technisch verbesserte Zoe II bereits in den Startlöchern steht, gibt Renault 5.000 Euro Nachlass auf das derzeitige Modell. Das drückt natürlich den Preis der einjährigen Gebraucht-Zoes und sorgt für einen Wertverlust von 18,1 Prozent nach einem Jahr (vgl. Benzin-Golf: 10,1 Prozent).

Ungewissheit durch Zukunftstechnologie

In punkto Wertverlust unterliegen E-Autos und konventionelle PKW den gleichen Gesetzmäßigkeiten. Das gilt zumindest für den Moment. Ein nicht abzuschätzender Ungewissheits-Faktor in der Zukunft ergibt sich durch die ständige Weiterentwicklung der Antriebsbatterien. Denn die Ladekapazitäten werden in absehbarer Zeit sehr wahrscheinlich steigen und die Preise sinken. Wie werden die Autohersteller auf die veränderten Bedingungen der Zukunft reagieren? Der Wertverlust des Elektroauto-Bestands wird durch Weiterentwicklungen der Technik maßgeblich beeinflusst werden.

Quelle: stromschnell.de
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