VW-Elektroauto-Studie I.D. im Fahrbericht

02.03.2017 - 12:00 Uhr von Natalie Diedrichs
02.03.2017

Bis zu 600 Kilometer Reichweite, volle Vernetzung und das Preisniveau eines Golfs soll der I.D. einmal haben. Die Kollegen von "Auto Motor und Sport" sind die Studie des ersten Kompaktwagens für den Modularen Elektrobaukasten (MEB) von VW bereits gefahren.

Bis zu 30 km/h legt die VW-Studie I.D. zurück.
Bild 1 von 28

Bis zu 30 km/h legt die VW-Studie I.D. zurück.

© Ingo Barenschee

Zuerst nennt er ihn „das Ausrufezeichen für den Wandel“ oder „das Symbol für den Aufbruch in die Zukunft“. Später schwingt Klaus Bischoffs schwerer Pathos in sympathische Begeisterung um: „Er ist halt einfach geil.“ Der Chefdesigner von Volkswagen meint die Elektrostudie I.D., mit der Volkswagen – wie ja bereits angedeutet – einen wichtigen Schritt in die Zukunft machen will.

Brandneu ist der I.D. nicht, er wurde bereits auf dem Pariser Autosalon im vergangenen Jahr mit großem Brimborium vorgestellt. Doch während der er bislang hauptsächlich stehend Bewunderer oder zumindest Interessierte fand, fährt der I.D. nun auch. Oder besser gesagt: er rollt. Denn mehr als 30 Kilometer pro Stunde sind momentan nicht drin. Das soll sich bis 2020 natürlich noch ändern. Dann soll der erste Kompaktwagen auf Basis des Modularen Elektrobaukastens (MEB) beim Kunden sein. Und das zu einem Preis zwischen 25.000 und 30.000 Euro.

Fahrbericht: Die I.D.-Probefahrt in Bildern

2020 klingt gar nicht mehr so ewig lang hin, verglichen zu manch anderen Concept Cars. Deshalb ist es ziemlich wahrscheinlich, dass der von einem 125-kW-Heckmotor angetriebene I.D. bald so oder so ähnlich auf unseren Straßen herumstromert, wie er sich uns heute auf dem ehemaligen Expo-Gelände in Lissabon präsentiert. Die ebenfalls anwesenden portugiesischen Ordnungshüter sind begeistert, sie würden das Elektroauto am liebsten zu ihren künftigen Einsätzen mitnehmen: „Der ist so leise, das ist perfekt, um sich von hinten an die Verbrecher anzuschleichen.“

VW I.D.: Lässt Lichter sprechen und ist kürzer als ein Golf

Leider lösen die fehlenden Motorengeräusche von Stromern nicht immer derartige Zustimmung aus. Damit sich der stumme VW I.D. trotzdem bemerkbar machen kann, soll er künftig mit seinen „Augen“, also den LED-Frontscheinwerfern, kommunizieren. So könne er beispielsweise Fußgängern signalisieren, dass das Auto sie erkannt hat, wenn er gerade zufällig vollautonom unterwegs ist. Das soll dann 2025 der Fall sein. Außerdem sagt er seinen Passagieren auf diese Weise „Hallo“ und „Tschüss“ oder signalisiert, dass er gerade parkt oder seinen Akku auflädt.

Kürzer als ein Golf, Radstand wie ein Passat

Drinnen ist vor allem eines: viel Platz. Design-Chef Bischoff nennt es „klassenüberlegenen Innenraum“, während er es sich auf einem der beiden hellgrauen, einzeln befestigten Rücksitze bequem macht. Und das, obwohl der I.D. mit seinen 4,10 Metern 15 Zentimeter kürzer ist als ein VW Golf. Sein Radstand (2,75 Meter) kommt dabei jedoch fast an den eines Passat heran. Wie das geht? Indem der Elektroantrieb viele Antriebskomponenten verschwinden lässt, die vorher Platz gefressen haben.

So ist der I.D. also ganz schön luftig, auch bedingt durch das Panorama-Glasdach, das sich auf Wunsch elektrisch verdunkeln lässt. Außen fahren die Türgriffe automatisch aus, wenn man die Tür öffnen will. Drinnen fehlen sie komplett, Front- und Hintertüren öffnen sich per Knopfdruck gegenläufig. Durch die fehlende B-Säule wird sich künftig nie wieder jemand über einen engen Einstieg beschweren können. Den hat der VW I.D. nämlich nun wirklich nicht.

Beherzter Elektroantritt, derzeit begrenzte Geschwindigkeit

Und wie fährt so ein Concept Car nun? Sagen wir es so, um zu erleben, wie wir in Zukunft fahren, ist schon noch etwas Vorstellungskraft nötig. Man könnte es ungefähr damit vergleichen, wie Michael J. Fox sich bei den Dreharbeiten von „Zurück in die Zukunft“ gefühlt haben muss: Der DeLorean mitsamt Fluxkompensator war ja physisch vorhanden, nur seine Spezialeffekte erhielt er eben in der Postproduktion. Ähnlich verhält es sich beim I.D.: Man sitzt tatsächlich drin, fühlt das futuristische weiße Lenkrad in den Händen, das so aussieht, als wäre es von Steve Jobs persönlich designt worden. Was kein Zufall ist: „Ja, das sieht nach Apple aus, stimmt. Deren Design orientiert sich übrigens am Bauhaus-Stil, kommt also ursprünglich aus Deutschland“, erklärt Designexperte und Lenkrad-Schöpfer Bischoff aus dem Fond.

Die verschiedenen Fahrmodi des Eingang-Getriebes lassen sich „per Touch“ am Lenkrad einstellen. Dabei sollte man ruhig etwas fester „zu tatschen“, bis die glatte, weiße Oberfläche reagiert. Ein beherzter Tritt aufs Gaspedal – auch hier verlangt der I.D. kein Feingefühl – und der I.D. segelt los. Das Beschleunigen klappt elektromäßig wunderbar, allerdings ist, wie gesagt, bei 30 km/h Schluss. Macht nichts, ab hier schaltet sich dann der Fantasiemodus im Kopf ein. So könnte man sich jetzt wunderbar vorstellen, wie mittels Augmented-Reality-Display 3-D-Projektionen von Navigationspfeilen in das Sichtfeld der Fahrer eingeblendet werden - nie wieder falsches Abbiegen wegen schlechter Kartendarstellung.

Übersicht: Die beliebtesten Elektroautos in Deutschland

Oder wie die Außenkameras alles aufzeichnen, was so um einen herum passiert, und dies dann im Display („e-Mirror“) zu sehen ist, wo sich normalerweise der Rückspiegel befindet. Oder wie man per Handauflegen auf das Lenkrad seinen Fahrdienst einfach komplett quittiert, das Lenkrad zurückfährt und sich der VW I.D. mit der Aufgabe befasst. Abhängig von der jeweiligen Situation eigentlich eine schöne Vorstellung. „Das Autofahren will ich mir bestimmt nicht verbieten lassen, aber auf langen Strecken wäre es toll, wenn das Auto einem die Arbeit abnimmt“, findet auch Bischoff. Mit einer angestrebten Reichweite von 400 bis 600 Kilometern könnte dies zwischendurch bestimmt mal der Fall sein.

VW I.D.: vernetzt und intelligent

Der I.D. will mehr sein als nur ein Auto. Durch Vernetzung soll er ein fester, organisatorischer Bestandteil des Alltags seines Besitzers werden. „Wenn ich um 15 Uhr zum Flughafen muss, wird der I.D. diesen Termin kennen. Sobald er merkt, dass es auf der Strecke zu Stau kommt, wird er mir Bescheid geben, dass wir eher los sollten.“ Ganz davon abgesehen soll er künftig auch Pakete annehmen können und dem Fahrer dabei helfen, die Wohnungstür per App zu öffnen. Während sich bei Datenschützern bereits die Nackenhaare aufstellen, versichert VW jedoch, dass all dies unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden wird, Stichwort: „anonymisierte Schwarmdaten.“ Und die anderen machen es ja schließlich auch.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
Kommentare
Auch Interessant
Elektroauto-News
Zwischen 400 und 700 Angestellte wurden entlassen.mehr
Fahrplan für industrielle Strategie soll bis Februar stehen.mehr